Hans Hartmann • Ein Gerechter unter den Völkern

"Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein." Kurt Tucholsky

In ganz normalen Zeiten hätten kaum viele Menschen von der Existenz von Hans Hartmann erfahren. So beliebig wie sein Name war sein unauffälliges Leben. Ein aufrechter Beamter bei der Post, ein Kirchengänger, mehr aus Gewohnheit der Umgebung heraus, und politisch nicht sehr aktiv. Zwar hatte er eine eigene und fundierte Meinung, doch war er nicht der Mensch, der in vorderer Reihe diese auch kundtun wollte. Ihm selbst reichte sein Leben in Familie, Beruf und die ländliche Gemeinde, er liebte seinen Garten und war so ‚normal’ wie man Hans-Hartmannsich nur einen Bürger so vorstellen kann. Über diesen eher unauffälligen Mann, mit seinem unauffälligen Leben über den wir äußerst wenig wissen, der für sich selbst nie den Anspruch hatte ins Rampenlicht zu geraten, und wusste vielleicht selbst nicht, in wiefern er über sich selbst hinaus wachsen kann. Doch die Zeiten in denen er sein so ‚normales’ Leben lebte, waren alles andere als normal. Der damals sechsundvierzigjährige Hauptmann Hans Hartmann war 1942 als einer der höhere Offiziere der Heereskraftfahrzeugseinheit 457 im Reparaturdepot im damaligen Lemberg stationiert. Die heutige ukrainische Stadt Lwiw oder im polnischen als Lwów bekannt, wurde von den Nationalsozialisten wieder eingedeutscht und lief unter dem Namen Lemberg. Im Lemberg der NS-Zeit gab es ein großes jüdisches Ghetto und das berüchtigte Zwangsarbeiterlager Janowska. Das Lager Janowska wurde zudem Durchgangslager und als Verteilerstelle für fünfzehn weitere Zwangsarbeitslager genutzt, die zum Bau einer Durchgangsstraße von Przemysl über Lwiw und Tarnopol in die Ukraine eingerichtet wurden. Bei den Massendeportationen ins Vernichtungslager Belzec wurde Janowska für viele Juden ab Juni 1942 zur letzten Zwischenstation vor ihrer Ermordung: Hier wurden die Opfer selektiert und nur einige wenige zur Zwangsarbeit zurückbehalten. In kaum einem anderen Zwangsarbeiterlager wurde die ‚Vernichtung durch Arbeit’ so explizit durchgeführt wie im Lager Janowska, kaum einer der jüdischen Häftlinge lebte länger als drei Monate. Ebenso erging es den ungefähr 400 internierten jüdischen Frauen. Hinzu kam der mehr als bestialische Lagerleiter Fritz Katzmann, der seinen Hass auf jüdische Menschen tagtäglich auslebte und dessen Opfer nie überlebten. Entsprechend agierte seine Wachmannschaft. War die Lage der Menschen im Ghetto von Lemberg schon äußerst prekär, so glich eine Überstellung ins Zwangsarbeiterlager Janowska als Todesurteil. Im Februar 1942 wurden Vater und Sohn Goldberg vom Rest der Familie getrennt und vom jüdischen Ghetto ins berüchtigte Lager verbracht. Die Ehefrau und Mutter Gittel Goldberg blieb verzweifelt zurück, doch sie wollte nicht tatenlos bleiben. Die aus Thüringen stammende Frau flüchtete, entgegen aller Vorschrift, aus dem Ghetto und irrte tagelang durch die Straßen von Lemberg. Als Deutsche sprach sie zwar etwas polnisch, doch das Russische beherrschte sie nicht. So sprach sie ausschließlich deutsche Uniformträger an, um sie um Hilfe zu bitten. Die meisten hörten ihr gar nicht zu, manche verhöhnten sie wegen ihres Anliegens, nur einer blieb stehen und hörte der verängstigen Frau mit dem Judenstern am Mantel aufmerksam zu, Hans Hartmann. Er machte sich Notizen, dafür wenig Worte. Für den nächsten Tag verabredete er sich mit Gittel Goldberg und überließ sie erst einmal sich selbst. Am gleichen Tag telefonierte er mit dem Lagerleiter Katzmann, doch dieser lehnte das Anliegen Hartmanns, die Goldbergs zu entlassen, rundweg ab. Auch ein weiteres Telefonat Hartmanns mit einer übergeordneten Stelle, mit dem Sadisten SS-Obersturmbannführer Fritz Gebauer, verlief ergebnislos. Am nächsten Vormittag fuhr Hans Hartmann in einem Militärfahrzeug vor das Lager und nahm, Kraft seiner militärischen Autorität, nach einigen Wortwechseln mit den Wachen am Haupttor, die Gefangenen Vater und Sohn Goldberg mit. Am verabredeten Ort traf er Gittel Goldberg, so dass diese ihren Mann und den 19jährigen Sohn in die Arme nehmen konnte. Als die Goldbergs Hans Hartmann zum Dank ein goldenes Pelikan-Schreibset schenken wollten, lehnte dieser dankend ab und sagte: „Behalten Sie es lieber für sich, es ist wahrscheinlich der letzte Wertgegenstand, den sie so noch haben.“ Damit trennten sich die Wege der Familie Goldmann und Hans Hartmann. Bis sich die SS mit dem ‚Fall Hartmann’ beschäftigen konnte, war dieser auf Befehl seines Vorgesetzen bereits auf dem Weg zu Rommels Afrikakorps, dort leitete Hans Hartmann bis Ende des Krieges eine Reparatureinheit. Sowohl die Familie Goldmann wie auch Hans Hartmann überlebten die Kriegszeit und die Goldmanns machten auch ihren Retter in seiner Heimatstadt Wolfratshaus ausfindig. Sie standen in gutem brieflichen Kontakt, der leider abriss als die Goldmanns 1949 nach Israel emigrierten. Der Postmeister Hans Hartmann fühlte sich nie als Retter, aus seiner Sicht hatte er das getan, das seine menschliche Pflicht war, nicht mehr aber auch nicht weniger. Doch die Goldmanns wollten das nicht so stehen lassen, unter der Aktennummer 0008 erkannte Yad Vashem am 16. Juli 1963 Hans Hartmann als ‚Gerechten unter den Völkern’ an.

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Hans Hartmann nahm die Ehrung still und gerührt an, doch da er aus seiner Sicht nichts Besonderes getan hatte, erfuhr es über seinen Umkreis hinaus, niemand. Die Stadt Wolfratshausen könnte stolz auf einen solchen ganz normalen Bürger sein, wenn sie es denn wüsste; denn auf meine Nachfrage, war der Stadt, der Mensch Hans Hartmann und seine kleine Geschichte niemandem bekannt. Vielleicht wäre diese ‚kleine’ Episode nur vier Zeilen wert, wenn überhaupt; doch ich finde gerade in dieser Geschichte zeigt sich Menschlichkeit, wenn sie denn aufgefordert wird, sehr deutlich. Vielleicht sind es nicht immer die großen Taten, von denen wir lernen können, vielleicht sind es die kleinen, die ein jeder bewältigen kann, beziehungsweise könnte …